Orgellandschaft Pommern

Pommern wird durch die Oder in einen größeren Teil, Hinterpommern (jetzt Polen), und einen kleineren Teil, Vorpommern, getrennt. Im Westen Vorpommerns bildet die Recknitz die Grenze zu Mecklenburg, im Osten verläuft die historische Grenze Hinterpommerns östlich der Städte Lauenburg (Lebork), Bütow (Bytow), Schlochau (Czluchow) und Schneidemühl (Pila), im Süden entlang der Netze . Von der Halbinsel Darß im Westen bis zur Piasnitz im Osten erstreckt sich eine Küste von 519 Kilometer Länge. Ihr sind die Inseln Rügen, Usedom und Wollin (Wolin) vorgelagert.


Geschichtlicher Überblick

Die Pommern werden 1124-1128 auf zwei Missionsreisen durch Bischof Otto von Bamberg zum Christentum bekehrt, 1140 bestimmt Papst Innozenz II. die St. Adalbertskirche in Wollin (Wolin) zum Sitz des neuen Bistums. Rügen wird erst mit der Eroberung durch König Waldemar I. von Dänemark ab 1168 christianisiert.
Seit 1176 ist Cammin (Kamien Pomorski) Bischofssitz, ein zweites Domkapitel wird um 1200 in Kolberg (Kolobrzeg) errichtet. Die Stadt Stettin (Szczecin), seit 1278 Mitglied der Hanse und schon im 11. Jahrhundert bedeutendster Handelsort an der unteren Oder, wird 1487 zur ständigen Herzogsresidenz. 1534, im Anschluß an den Landtag von Treptow an der Rega (Trzebiatow), führt Johannes Bugenhagen mit Billigung der Herzöge Philipp I. und Barnim IX. die Reformation in Pommern durch, im folgenden Jahr veröffentlicht er eine neue Kirchenordnung. Das Bistum Cammin (Kamien Pomorski) wird 1556 zu einer Sekundogenitur für das Herzogshaus.
1637 erlischt mit dem Tode Herzogs Bogislaw XIV. das Greifengeschlecht. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erhält im „Westfälischen Frieden“ Brandenburg Hinterpommern und das Bistum Cammin (Kamien Pomorski), Schweden Vorpommern mit Stettin (Szczecin), Rügen und einen Landstreifen östlich der Oder, Herzog Ernst Bogislaw von Croy, letzter Titularbischof von Cammin (Kamien Pomorski), wird Statthalter von Hinterpommern. 1815 wird Pommern preußische Provinz. König Friedrich Wilhelm III. führt 1817 die Union der Lutheraner mit den Reformierten durch. Im Versailler Vertrag 1919/20 wird Pommern Grenzprovinz, denn fast die gesamten Provinzen Posen und Westpreußen müssen an Polen abgetreten werden. Aus den Restgebieten wird 1922 die Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen mit Schneidemühl (Pila) als Hauptstadt gebildet, welche jedoch 1938 wieder aufgelöst wird. Ihre nördlichen Kreise sowie die neumärkischen Kreise Arnswalde (Choszczno) und Friedeburg (Strzelce-Krajenskie) werden nun Pommern angegliedert. Als Folge des Zweiten Weltkrieges wird Hinterpommern 1945 polnisch, die Oder bildet die Grenze. 1947 wird Greifswald Bischofssitz der Pommerschen Evangelischen Kirche. Seit 1990 ist Vorpommern gemeinsam mit Mecklenburg ein Bundesland.
Pommern ist heute eine der kulturhistorisch interessantesten, an erhalten gebliebenen Instrumenten verschiedener Stilepochen reichsten Orgellandschaften Europas. Das Orgelland ist mit langer, eigenständiger Tradition einerseits und vielfältigen Einflüssen von außerhalb andererseits gewissermaßen ein Spiegelbild der wechselvollen und spannenden Geschichte dieser Region.
Seit Einführung des Christentums in Pommern im 12.Jahrhundert und den zu gleicher Zeit erfolgten zahlreichen Kirchen- und Klostergründungen spielte die Musik in der Kirche eine bedeutende Rolle. Wir dürfen annehmen, daß, wie andernorts auch, die Klöster in besonderer Weise Orte der Musikpflege und auch des Orgelbaus wurden. Zwischen 1360 und 1362 erhielten die Jakobi- und Nikolaikirche in Greifswald Orgeln, 1393 die Kirche des Klosters Neuenkamp an der Stelle des heutigen Franzburg. Der erste Orgelbauer, den wir namentlich kennen, ist Johann Sculte. Er erbaute 1493 in der Stralsunder Marienkirche oberhalb der Bruderschaftskapelle im Chorumgang eine neue Hauptorgel. Einziges verbliebenes Zeugnis des Orgelbaus jener Zeit ist eine kürzlich bei Ausgrabungsarbeiten im Stadtzentrum von Greifswald aufgefundene Portativ-Windlade, gleichzeitig einer der wenigen überhaupt überlieferten Belege mittelalterlicher Orgelbaukunst in Norddeutschland. Eine gotische Orgelempore blieb in der Stralsunder Nikolaikirche über dem Hochaltar erhalten.
Wesentliche Impulse des Orgelbaus der Renaissancezeit kamen aus den Niederlanden, einem Land mit einer im 16. Jahrhundert besonders hochstehenden Orgelkultur. So wissen wir von einem Orgelbau, den Fabian Peters aus Sneek 1575-1577 in St. Nikolai in Greifswald ausführte. Auch Nikolaus Maaß, der 1592 das Bürgerrecht in Stralsund erwarb, war wahrscheinlich Niederländer. Er hat 1582 die von Jakob Scherer aus Hamburg 1564 an der Turmseite der Jakobikirche zu Stettin (Szczecin) angelegte Orgel renoviert und erweitert. Seine Tätigkeit läßt sich außerdem in Barth, Greifswald und Stralsund nachweisen. Aus Jakob Scherers Werkstatt stammen vermutlich einige wenige, bemalte Pfeifen, die der Orgelbauer Christian Friedrich Voigt 1773 beim Bau der Orgel in Blumberg wieder verwendete und die die einzigen aus dem 16. Jahrhundert in Pommern erhaltenen sein dürften.
Im 17. Jahrhundert wirkte in Pasewalk der „kunstreiche berühmte Orgelbauer“ Paul Lüdemann. Er schuf 1603-1606 eine Orgel für die Marienkirche in Köslin (Koszalin) und 1620 ein neues Instrument für die dortige Schloßkirche. Neben vielen anderen Arbeiten vergrößerte er 1625-1628 die Orgel in der Jakobikirche zu Stettin (Szczecin) auf 45 klingende Stimmen.
Zwei besonders repräsentative, große Orgelneubauten des 17. Jahrhunderts verdanken wir dem Mäzenatentum des letzten evangelischen Titularbischofs von Cammin (Kamien Pomorski), Herzog Ernst Bogislaw von Croy, der als letzter Nachkömmling der erloschenen Dynastie des Greifengeschlechtes ehrgeizig danach strebte, die Größe seiner Vorfahren und sich selbst unvergessen zu machen. Er beauftragte 1654 den Orgelbauer Paul Fischer und den Bildhauer Hans Eddelwer, beide aus Rügenwalde, mit dem Bau einer dreimanualigen Orgel für die Schloßkirche in Stolp (Slupsk). Stolp (Slupsk) war seit 1650 Residenz des Herzogs und seiner Mutter Anna von Croy. Das Instrument wurde nach dem plötzlichen Tod Fischers von Michael Beriegel vollendet und 1657 eingeweiht. Michael Beriegel, Schwiegersohn Friedrich Stellwagens, war auch der Erbauer der zweiten von Ernst Bogislaw von Croy gestifteten Orgel, dem 1669-1672 geschaffenen Werk im Dom zu Cammin (Kamien Pomorski). Von beiden Instrumenten sind die prachtvollen Prospekte mit einem Teil der Prospektpfeifen erhalten geblieben, während die Orgelwerke selbst später ersetzt wurden. In Stolp (Slupsk) sind seit der Rekonstruktion der Orgel im Jahre 2002 Paul Fischers Prospektpfeifen von 1657 im Rückpositiv als ältestes klingendes Orgelregister in Pommern wieder zu hören.

Das bedeutendste bis heute bewahrte Orgelwerk des 17. Jahrhunderts in Pommern ist jedoch keine herzogliche Stiftung, sondern Ausdruck des Bürgerstolzes einer reichen Stadt: es ist die monumentale Orgel, die der Lübecker Meister Friedrich Stellwagen 1653-1659 für die Marienkirche in Stralsund schuf. Sowohl hinsichtlich der Klangqualität als auch in Bezug auf die bildkünstlerische Ausgestaltung des über 20 Meter hohen Gehäuses markiert dieses gewaltige Werk eine Höchstleistung des norddeutschen frühen Orgelbarock. Als einzige große Orgel des 17. Jahrhunderts, die in einer der stattlichen Backsteinkathedralen vom Typ der Lübecker Marienkirche in Deutschland erhalten blieb, bildet sie zusammen mit den beiden Musikemporen ein musikhistorisches Denkmal ersten Ranges.
Mit einem weiteren Orgelbau ähnlicher Dimension, dem Neubau der Jakobi-Orgel, war man seit 1695 in Stettin (Szczecin) beschäftigt. Der Auftrag wurde zunächst an Matthias Schurig vergeben, der jedoch 1697 starb. Das Instrument wurde dann bis 1700 von Johann Balthasar Held, einem Schüler Arp Schnitgers, vollendet. Sein prachtvoller Prospekt stand bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.
Aus dem 17. Jahrhundert sind in Pommern heute noch zwei gegenwärtig unspielbare Instrumente unbekannter Erbauer in Karnice (Karnitz) und Kremzow (Krepcewo) sowie das 2-stimmige Positiv in der Schloßkapelle zu Griebenow erhalten. Viele Orgeln, die im 18. Jahrhundert in Dorfkirchen erbaut wurden, waren Stiftungen der ortsansässigen Adelsfamilien. So war das besonders prächtige Werk, das wohl um 1710 in der Kirche von Wusterwitz (Ostrowiec) bei Schlawe (Slawno) von unbekanntem Meister geschaffen wurde, und von dem leider nur noch der Prospekt steht, eine Stiftung des Geschlechts von Podewils.
Klingende Originalsubstanz besitzt noch das von Christian Weldt aus Grimmen 1741 erbaute Instrument in Deyelsdorf, während der um 1725 vielleicht von Caspar Sperling aus Rostock gearbeitete Prospekt im benachbarten Nehringen ein späteres Werk umschließt.
1740/1741 baute Christian Gottlieb Richter aus Alten Stettin eine große Orgel für die Jakobikirche in Stralsund. Das von dem Stralsunder Bildhauer Michael Müller künstlerisch exzellent dekorierte Gehäuse, eine der repräsentativsten barocken Orgelschauseiten in ganz Norddeutschland, wurde später beim Neubau des Orgelwerkes durch Friedrich Albert Mehmel, der auch Richters Pedalladen und einen Teil der Registermechanik weiterverwendete, beibehalten.
In der Marienkirche von Rügenwalde (Darlowo) ist ein aufwendiger Orgelprospekt der gleichen Zeit erhalten, der Ähnlichkeit mit ost- und westpreußischen Instrumenten aufweiSt.
Lange Zeit galt die schöne Barockorgel in der Kirche zu Wartin als Werk des ortsansässigen Meisters Christian Friedrich Voigt, der 1773 das bereits erwähnte, derzeit unspielbare Brüstungspositiv im benachbarten Blumberg schuf. Durch genaues Studium der Kirchenrechnungen, der Inschriften im Werk und bautechnischer Eigenheiten gelang 1999 die Identifizierung des Instrumentes als 1744 von Joachim Wagner geschaffene Orgel. Der trotz Veränderungen hohe Prozentsatz gut erhaltener, originaler Substanz läßt die Wartiner Orgel nun in die Reihe der wertvollsten Denkmalsorgeln Pommerns aufrücken.

Drei wichtige Orgeln hat der bedeutende Wagner-Schüler Peter Migendt für Stettin (Szczecin) geschaffen – 1751 in der Schloßkirche, 1752 in St. Gertrud und 1763/64 in St. Nikolai – alle jedoch sind im Laufe der Geschichte zerstört oder durch andere Instrumente ersetzt worden. Erhalten geblieben ist das prachtvolle Gehäuse der von dem Wagner-Schüler Ernst Marx 1768 für die Marienkirche in Belgard (Bialogard) erbauten Orgel.
In der Kirche von Neuensund befindet sich ein Orgelpositiv mit Flügeltüren aus der Zeit um 1750, welches Ernst Sauer 1839 dort aufgestellt hat. Eine Besonderheit ist die Orgel der Kirche von Zettemin. Sie wurde 1779/1780 von dem Kummerower Schulmeister, Küster und Organisten Matthias Friese erbaut, der sich als Autodidakt Kenntnisse im Orgelbau erworben hatte. Zettemin gehört heute zur Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs, war jedoch 1740 bis 1966 als Enklave pommersches Gebiet.
Zwei besonders kostbare Instrumente sind mit den beiden Spätbarockorgeln, die der Stralsunder Christian Kindten 1790 und 1796 in Gingst und Sagard auf der Insel Rügen erbaute, bewahrt geblieben. Aus einem autobiografischen Brief Kindtens erfahren wir, daß er in St. Petersburg den Orgelbau erlernte. Es wäre möglich, daß er dort Schüler des schwedischen Meisters Olof Schwan war, was die klangliche Verwandtschaft von Kindtens Instrumenten mit schwedischen Orgeln des ausgehenden 18. Jahrhunderts erklären würde.

Der Orgelbaustil des angrenzenden Mecklenburg ist in Vorpommern durch ein 1780 von Christian Heinrich Kersten aus Rostock für die Kirche in Saal erbautes Werk vertreten. Mit der Zugehörigkeit ganz Pommerns zu Preußen ab 1815 gewinnt der Orgelbau der preußischen Hauptstadt, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem durch die Orgelbauer Johann Simon und Carl August Buchholz repräsentiert, besonderen Einfluß, vor allem auf das zuvor schwedische Vorpommern, wo Vater und Sohn eine große Zahl kleiner und großer Instrumente errichtet haben. Johann Simon Buchholz war Schüler von Ernst Marx und damit Enkelschüler von Joachim Wagner. So sind seine Orgeln, beispielsweise das 1820 erbaute Instrument in der Dorfkirche zu Gristow, noch ganz im Geist und der Handwerkstradition des 18. Jahrhunderts gebaut. 1821 vollenden Vater und Sohn Buchholz ein großartiges Instrument in der Marienkirche in Barth, welches mit seiner ursprünglich 42-stimmigen Disposition, verteilt auf zwei Manuale und Pedal, und einem Manualumfang bis ins dreigestrichene g in eine neue Zeit weist. Diese Orgel ist heute nicht nur das Instrument mit dem größten Originalbestand von Buchholz in Deutschland, sondern gilt darüber hinaus als eine der klangschönsten frühromantischen Orgeln überhaupt. Die stark veränderte, 1841 von Carl August Buchholz mit 56 Registern erbaute große Orgel der Nikolaikirche in Stralsund wurde durch jüngste umfangreichen Restaurieruntgs-und Rekonstruktionsarbeiten wieder ihrem ursprünglichen Klangbild angenähert und zählt heute zu den prächstigsten Orgeln der Frühromantischen Zeit in Pommern.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg – also die gesamte Zeitepoche der Hoch- und Spätromantik, prägen zwei Werkstätten, die sich aus kleinen Anfängen entwickelt haben und deren Wirken weit über die Grenzen des Landes ausstrahlen sollte, das pommersche Orgelbaugeschehen. Es waren die Orgelbaufirmen Grüneberg in Stettin (Szczecin) und Voelkner in Dünnow (Duninowo).
Georg Friedrich Grüneberg gründete schon 1782 in Stettin (Szczecin) eine Orgelbauwerkstatt, die sein Sohn August Wilhelm Grüneberg bis zu seinem frühen Tod 1837 weiterführte. Mit der Neugründung 1854 durch Barnim Grüneberg nahm die Werkstatt eine großartige Entwicklung, die gekrönt wurde durch den Bau der damals größten Orgel der Welt in der Dreifaltigkeitskirche zu Libau im Jahre 1885, ein Instrument mit 131 klingenden Registern, verteilt auf 4 Manuale und Pedal.
Barnim Grüneberg baute von Anfang an parallel Instrumente mit Schleif- und Kegelladen (zu letzteren gehört die 1854 gefertigte Orgel in Görmin mit einer der ältesten Kegelladen der Orgelgeschichte und einer frühen Registercrescendo-Einrichtung), ging Ende des 19. Jahrhunderts zum ausschließlichen Bau von Kegelladen über, die ab 1900 mit Röhrenpneumatik verbunden wurden. 1906 wurden neue, großzügige Werkstattgebäude in Stettin-Finkenwalde (Szczecin-Zdroje) für die damals 65 Mitarbeiter bezogen. Die Gebäude sind teilweise noch heute erhalten. Nach dem Tode Barnim Grünebergs übernahm sein Sohn Felix die Firmenleitung, der den Untergang des Betriebes infolge der beiden Weltkriege erleben mußte. Die handwerkliche und klangliche Qualität der Grüneberg-Orgeln war stets ausgezeichnet, das verwendete Material erstklassig.
Ein großer Teil der Instrumente aller Generationen und Schaffensperioden, vor allem kleinere Werke, ist bewahrt geblieben. Das größte in Pommern erhaltene Werk ist die viermanualige Orgel der Stadtkirche St. Bartholomaei in Demmin, 1868 vollendet. Von den dreimanualigen, spätromantischen Werken der „pneumatischen Ära“ existiert nur noch das Instrument in Belgard (Bialogard).
Christian Friedrich Voelkner ging für mehrere Jahre zu Carl August Buchholz in die Lehre und kehrte 1859 in seinen Heimatort Dünnow (Duninowo) zurück, wo er im gleichen Jahr eine eigene Orgelbauwerkstatt begründete. Sorgfältig gebaute, klangschöne Orgeln machten ihn bald über die Grenzen Pommerns bekannt, so daß er 1876 ein neues Fabrikgebäude errichten und 1877 die ersten Maschinen anschaffen konnte. 1900 übernahm der Sohn Paul Voelkner die Werkstatt, die nach Bau eines weiteren Werkstattgebäudes nun 20 Mitarbeiter hatte und auch Orgeln nach Rußland und Deutsch-Ostafrika lieferte. Nach einem durch Brandstiftung gelegten Großfeuer, der große Teile der Orgelbauanstalt vernichtete, gründete Paul Voelkner 1906 in Bromberg (Bydgoszcz) eine neue, große Orgelfabrik, die bis zum Ende des Ersten Weltkrieges bestand. Christian Friedrich Voelkner baute zunächst Schleifladen-Orgeln, außerdem zuweilen eine eigene, mechanisch oder pneumatisch angesteuerte Hängeventillade, sein Sohn Paul Voelkner lieferte ausschließlich Instrumente mit pneumatischer Traktur. Eine große Zahl der gediegenen, klanglich eindrucksvollen Werke ist vor allem im östlichen Hinterpommern erhalten geblieben. Die Orgel in Steglin (Szczeglino) besitzt den originalen Zinnprospekt und ist somit völlig original erhalten. Hier wie auch in Stolpmünde (Ustka) bilden Kirchenbau in neogotischem Stil und Orgel eine künstlerische Einheit.

Neben Grüneberg und Voelkner waren im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert eine Reihe von kleineren Orgelbauwerkstätten in Pommern ansässig. Unter ihnen war wohl die Werkstatt des Ladegast-Schülers Friedrich Albert Mehmel, der sich 1859 in Stralsund niederließ, die wichtigste. Mehmel beschäftigte 14 Mitarbeiter und eröffnete 1872 noch eine Filiale in Wismar. Sein größtes Werk war der Neubau der Orgel für die Jakobikirche zu Stralsund, ein Instrument, das von den Zeitgenossen als eines der schönsten in ganz Deutschland gerühmt wurde.
Das 68-stimmige Werk mit 4 Manualen und Pedal, am Ende des Zweiten Weltkrieges ausgeplündert, harrt gegenwärtig seiner Wiederherstellung. Zu welch ausgezeichneten Leistungen Mehmel fähig war, wird heute am deutlichsten an dem nahezu vollständig im Originalzustand erhaltenen Instrument in der Marienkirche zu Greifswald, aber auch an vielen Dorforgeln, die, wie das geradezu raffiniert konzipierte Werk in Nehringen beweist, den Vergleich mit den Instrumenten Ladegasts nicht zu scheuen brauchen. Nach Mehmels Tod 1888 wurde die Werkstatt von seinem Sohn Paul Mehmel noch bis 1896 weitergeführt.
Ebenfalls in Stralsund wirkte um 1850 Friedrich Nerlich, dem wir u. a. die schöne Orgel in Patzig auf Rügen, 1846 gebaut, verdanken. Neben Grüneberg konnten sich in Stettin Friedrich und Emil Kaltschmidt behaupten, die nobel klingende, der klassischen Tradition verhaftete Schleifladen-Orgeln bauten. Der Orgelbauer Fischer in Demmin war Schüler Johann Friedrich Schulzes aus Paulinzella, dessen Bauweise er in seinen derb klingenden Dorforgeln vollständig kopierte. Ebenfalls überwiegend kleine Instrumente lieferten die Orgelbauer Köhler in Stargard (Stargard Szczecinski), Hesse in Köslin (Koszalin) und Hildebrandt in Stolp (Slupsk).

Die Vielfalt der heutigen Orgellandschaft Pommern wird mitbestimmt durch eine große Zahl von Instrumenten des 19. und 20. Jahrhunderts, die von Orgelbauern anderer Regionen hierher geliefert worden sind. Neben den bereits erwähnten Orgelbauern Johann Simon und Carl August Buchholz aus Berlin ist hier zunächst Johann Friedrich Schulze aus Paulinzella in Thüringen zu nennen, dessen Werkstatt zwischen 1839 und 1861 nicht weniger als 40 Orgeln für Pommern baute, von denen leider nur noch wenige existieren. Das größte erhaltene Werk, zweitgrößtes überliefertes der Schulze-Werkstatt überhaupt, ist das 1842 vollendete, 32-stimmige, derzeit unspielbare Instrument in der Marienkirche zu Treptow an der Rega (Trzebiatow). Sehr gut und vollständig original erhalten sind die Orgeln in Kenz und in der Gertraudenkapelle von Rügenwalde (Darlowo).
Den Schulze-Orgeln verwandte Stilmerkmale zeigen die Instrumente, die die Thüringer Werkstätten Knauf/Tabarz, später Bleicherode und Holland/Schmiedefeld nach Pommern lieferten. Vorpommern erhielt einige Instrumente Friedrich Hermann Lütkemüllers aus Wittstock, während in den ehemaligen Kreisen Daber (Dobra) und Freienwalde (Chociwel) Instrumente aus der Werkstatt von Albert Kienscherf aus Eberswalde beliebt waren. Gebr. Dinse aus Berlin bauten in der Gegend um Greifenberg (Gryfice) und in den Ostseebädern Saßnitz und Zinnowitz einige Orgeln.

Der Hoforgelbauer des benachbarten Mecklenburg-Schwerin, Friedrich Friese III, ist nur mit einem kleinen Instrument im vorpommerschen Lüssow vertreten. Walcker/Ludwigsburg und Schlag&Söhne/Schweidnitz – ein Instrument dieser Firma von außerordentlicher Klangschönheit steht in der Trinitatiskirche in Stettin (Szczecin) - waren eher sporadisch in Pommern tätig.
Im Werkverzeichnis von Wilhelm Sauer/Frankfurt (Oder) finden wir immerhin 14 Instrumente, die dieser zwischen 1860 und 1909 für die preußische Provinz lieferte. Hierzu gehört auch der Umbau und die Erweiterung der Buchholz-Orgel in Gützkow im Jahre 1883, die 1915 Grüneberg nochmals umgestaltete, so daß dieses Instrument heute Klangmaterial dreier bedeutender Orgelbauer enthält.
Dem wirtschaftlichen Aufschwung der Gründerzeit folgend, setzt um 1900 in Pommern ein regelrechter „Orgelbau-Boom“ ein, ja man gewinnt fast den Eindruck eines Wettbewerbes der Städte untereinander. Beachtlich ist dabei die Vielfalt der beauftragten Werkstätten, wie folgende Übersicht, die sich fortsetzen ließe, zeigen möge:

Cammin (Kamien Pomorski), Dom – 1888 B. Grüneberg/Stettin III/P 45 (verändert)
Kolberg (Kolobrzeg), Dom – 1890 W. Sauer/Frankfurt (Oder) III/P 45 (nicht erhalten)
Köslin (Koszalin), Marienkirche – 1899 Schlag&Söhne/Schweidnitz III/P 50 (verändert)
Swinemünde (Swinoujscie), Lutherkirche – 1906 B. Grüneberg/Stettin II/P 30 (nicht erhalten)
Pyritz (Pyrzyce), Mauritiuskirche – 1907 Knauf&Sohn/Bleicherode III/P 48 (nicht erhalten)
Greifenberg (Gryfice), Marienkirche – 1911 Gebr. Dinse/Berlin III/P 40 (erhalten)
Belgard (Bialogard), Marienkirche – 1912 B. Grüneberg/Stettin III/P urspr.33 (erhalten)
Anklam, Nikolaikirche – 1912 B.Grüneberg/Stettin III/P 45 (nicht erhalten)
Stargard (Stargard Szczecinski), Marienkirche – 1912 B. Grüneberg/Stettin III/P 55 (nicht erhalten)
Stettin (Szczecin), Synagoge – 1914 E. F.Walcker&Cie./Ludwigsburg III/P 42 (nicht erhalten)
Rügenwalde (Darlowo), Marienkirche – 1925 A.Voigt/Bad Liebenwerda II/P 30 (erhalten)
Swinemünde (Swinoujscie), Christuskirche – 1927 Steinmeyer&Co./Oettingen II/P 30 (erhalten)

Daß man hierbei durchaus bestrebt war, Besonderes, Außergewöhnliches zu schaffen, zeigen nicht nur die Registerzahlen und die in den meisten Fällen sehr aufwendige Ausstattung der Instrumente mit modernen Spielhilfen, sondern auch solch ambitionierte Gehäusegestaltungen wie der ungewöhnlich prunkvolle Neobarockprospekt der Dinse-Orgel in Greifenberg (Gryfice). Klanglich blieb man der Spätromantik noch weit bis in die 1920er Jahre verpflichtet.
Wichtig für die Umsetzung der Ideen der „Orgelbewegung“, die um 1925 begann, wurden in Pommern zwei Instrumente, die die Firma Furtwängler&Hammer aus Hannover zu Beginn der 1930er Jahre in Daber (Dobra) und in der Marienkirche zu Stolp (Slupsk) errichtet hatte. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Orgel in Stolp (Slupsk) war nach Entwürfen von Christhard Mahrenholz gestaltet worden und besaß 53 Register, verteilt auf 4 Manuale – darunter ein Rückpositiv – und Pedal.
Felix Grüneberg schloß sich nur zögerlich dem neuen Gedankengut an. Ein sehr schönes Beispiel einer kleinen Grüneberg-Orgel, die gewissermaßen einen Mittelweg zwischen Romantik und Orgelbewegung sucht, ist das klangschöne, 1934 erbaute Werk in Völschow bei Jarmen.
Einige romantische Instrumente, wie die Orgel der Marienkirche zu Belgard (Bialogard), versuchte Grüneberg in jener Zeit vorsichtig um „barocke“ Register zu ergänzen. Sehr viel folgerichtiger gestaltet sind die 1937 mit 42 klingenden Stimmen erbaute Orgel in der Kreuzkirche zu Stettin (Szczecin), oder das noch 1940 neu disponierte, ursprünglich 1913 als Opus 700 erbaute Instrument der Marienkirche in Dramburg (Drawsko).
Weitere bemerkenswerte neobarocke Instrumente erbauten in dieser Zeit die Firmen Kemper&Sohn aus Lübeck 1941 in Loitz (dreimanualig mit pneumatischen Taschenladen und Freipfeifenprospekt) und Alexander Schuke aus Potsdam 1943 in Kloster auf Hiddensee, hier nun schon rein mechanisch mit Schleifladen und einer Disposition nach Vorbild Joachim Wagners.
Besondere Impulse erhielt die „Orgelbewegung“ in Pommern durch den 1909 in Pyritz (Pyrzyce) geborenen Pfarrer, Orgelforscher und Komponist Ernst Karl Rößler, der bereits 1934 als Vikar in Rambin in der Zeitschrift „Unser Pommernland“ einen Beitrag mit dem Titel „Alte Orgeln in Pommern“ veröffentlichte. 1937 wurde Rößler Pfarrer in Jamund (Jamno) bei Köslin (Koszalin). Sein erstes großes Orgelprojekt war die Umgestaltung des Instrumentes der Firma Schlag&Söhne in der Marienkirche in Köslin (Koszalin), wir finden in diesem seither klanglich unverändert bestehenden Werk heute Rößlers Idee von der „hellen und unbestechlich-durchsichtigen Orgel mit silbernen und klaren Tönen“ sehr konsequent verwirklicht. 1952 veröffentlichte Rößler sein theoretisches Werk zum Orgelbau unter dem Titel „Klangfunktion und Registrierung“ im Bärenreiter-Verlag. In Vorpommern sind nach dem Zweiten Weltkrieg noch einige kleinere Orgelneubauten von Rößler entworfen worden – beispielsweise das im 100. Jahr des Bestehens der Orgelbaufirma W.Sauer, Frankfurt/Oder 1957 für die Diakonieanstalten Züssow gebaute Instrument.

Die ersten Jahre nach dem verheerenden Krieg waren jedoch in erster Linie eine Zeit der Wiederherstellung der vielen beschädigten, ausgeplünderten Orgeln, sowohl im nun polnischen Hinterpommern, als auch in Vorpommern. In Vorpommern widmete sich dieser Aufgabe seit 1947 mit großem Einsatz der Orgelbauer Barnim Grüneberg jun., der sich nach der Flucht aus Stettin (Szczecin) in Greifswald niedergelassen hatte. Der verantwortungsvolle Umgang mit den alten und die Planung von neuen Instrumenten lag hier seit 1951 in den Händen des langjährigen Orgelsachverständigen und Stralsunder Marienorganisten Dietrich W. Prost.
In Vorpommern schufen seit den 1950er Jahren die Werkstätten Alexander Schuke, Potsdam, Hermann Eule, Bautzen, Gebrüder Jehmlich, Dresden, Wilhelm Sauer, Frankfurt/Oder und andere eine Reihe von mechanischen Schleifladen-Orgeln in neobarocker Ästhetik, die manchmal leider auch wertvolle ältere Werke, wie die Buchholz-Orgel im Greifswalder Dom, ersetzten.
Als besonders gelungene Instrumente seien die beiden großen Orgeln, die die Firma Alexander Schuke 1962 in der Marienkirche in Anklam und 1968 in der Greifswalder Jakobikirche baute, genannt.
Eine wichtige und komplizierte Aufgabe der Orgeldenkmalpflege war der Wiederaufbau der im Krieg ausgelagerten Stellwagen-Orgel der Marienkirche zu Stralsund durch die Orgelbaufirma Alexander Schuke in den Jahren 1951-1959. In Polen konnte 1962 die Orgel im Dom zu Cammin (Kamien Pomorski) durch den Orgelbauer Kurt Berendt aus Deutsch Krone (Walcz) wieder spielbar gemacht und ab 1964 von der Firma Zygmunt Kaminski, Warschau (Warszawa) vollständig wiederhergestellt und neu gestaltet werden. Die gleiche Firma hat neben verschiedenen anderen Instrumenten für die als Konzertsaal wiederhergestellte Schloßkirche in Stettin (Szczecin) 1974 eine neue dreimanualige Orgel mit elektrischer Traktur gebaut.
1989 stellte die tschechische Firma Rieger-Kloss im Saal des Musikgymnasiums in Köslin (Koszalin) eine dreimanualige, mechanische Schleifladenorgel mit 35 Registern auf, die vor allem als Unterrichts- und Übungsinstrument genutzt wird.

Die Hauptaufgabe des gegenwärtigen Orgelbaugeschehens in Pommern liegt in der Erhaltung und Restaurierung der zahlreichen historischen Instrumente.
In den Jahren 2001-2003 war es mit Hilfe der ZEIT-Stiftung Hamburg, der Hermann Reemtsma Stiftung Hamburg und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz möglich, im Rahmen eines Förderprogramms zur Rettung historischer Orgeln in Mecklenburg-Vorpommern 14 Orgeln in Vorpommern, darunter die barocken Werke von Sagard und Saal, Instrumente von Grüneberg in Demmin, Altentreptow und Gützkow und die Buchholz-Orgel in Barth, wiederherzustellen.
2003 begann das Projekt der Restaurierung der drei großen Orgeln in St. Nikolai, St. Marien und St. Jakobi zu Stralsund, finanziert von der Hermann Reemtsma Stiftung Hamburg und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. In Polen konnten in den letzten Jahren u. a. die Steinmeyer-Orgel der Christuskirche in Swinemünde (Swinoujscie), die Voelkner-Orgel in Stolpmünde (Ustka) und die Schlag&Söhne-Orgel der Trinitatiskirche zu Stettin (Szczecin) wiederhergestellt werden. 2000-2002 hat die Firma Jozef Mollin aus Konitz (Chojnice) die Paul-Fischer-Orgel von 1657 in der Schloßkirche zu Stolp (Slupsk) nach der Originaldisposition rekonstruiert und damit der dortigen Orgelkultur neue Impulse geben können.

Martin Rost, Stralsund